Emotionale Dysregulation
- fiona
- 13. Mai 2021
- 5 Min. Lesezeit
Emotionale Dysregulation bedeutet, dass die Betroffenen Probleme mit ihrer Emotionswahrnehmung und Regulierung haben. Dazu kommt, dass 34% bis 70% der von AD(H)S Betroffenen an einer emotionalen Labilität leiden.
Wir AD(H)sler können Frustrationen und/oder andere Emotionen häufig nicht angemessen verarbeiten und regulieren. Das kann zu Impulsüberreaktionen (betrifft überwiegend Menschen mit AD(H)S) führen und/oder zu inneren Blockaden (betrifft überwiegend Menschen mit ADS).
Kurz zur Erklärung: Eine innere Blockade kann entstehen, wenn man seine Emotionen lange unterdrückt hat und diese sich innerlich anstauen. Dadurch entstehen mentale und emotionale Barrieren, die deine Gedanken, deine Gefühle und dein Verhalten beeinflussen können.
Ich zähle zum „kombinierten Typ“. Das heißt ich habe eine Mischung aus ADHS und ADS. Quasi das volle Programm. Ich bin hyperaktiv (impulsiv), unruhig, voller Tatendrang, aber auch unaufmerksam, verträumt und in mich gekehrt. Ich selbst bezeichne mich gern als die Ambivalenz in Person. Das ist auch ein Grund, wieso es Menschen so schwer fällt mir zu glauben, wenn ich ihnen erzähle, dass ich AD(H)S habe. Denn häufig erfülle ich nicht die Klischees und wechsle von hyperaktiv, vor Ideen überschäumend und von Tatendrang getrieben zu verträumt, unaufmerksam und motivationslos innerhalb eines Tages.
Wie macht sich die emotionale Dysregulation bei mir bemerkbar?
Wahrscheinlich muss ich dazu ein bisschen ausholen, da ich ja nicht erst seit meiner Diagnose Probleme mit der emotionalen Dysregulation habe. Nun, wo ich aber weiß, dass ich AD(H)S habe, ergibt alles, was ich in meiner Kindheit und Jugendzeit gefühlt, gemacht und getan habe, einen Sinn. Schon immer war ich eine sehr wütende, aggressive und impulsive Person. Vor allem im Teenageralter. Allerdings nur meiner Familie gegenüber. In der Schule war ich dann eher ruhig und unauffällig. Ich gehörte zu denen, die da waren, nicht groß auffielen, keine Schwierigkeiten hatten und auch keine machten. Ganz anders war ich dann Zuhause. Jede Kleinigkeit hat mich sofort aus der Fassung gebracht. Entweder bin ich komplett ausgerastet, habe mit Worten um mich geschmissen, die auf keine Kuhhaut passten, oder ich habe stundenlang geweint. Die Wut kam ungefiltert raus. Ich habe gegen Wände geschlagen, mich selbst verletzt, meine Mitmenschen verletzt, weil ich einfach keine Kontrolle über meine Emotionen hatte. Enttäuschungen waren nicht zu verkraften. Bei mir brachen keine Welten zusammen, sondern komplette Universen.
Ein großartiges Beispiel bringe ich immer wieder gern. Und zwar war das an meinem 21. Geburtstag.
Mein 21. Geburtstag am 3. Januar 2013. Meine kleine Schwester, noch zarte 12 Jahre jung, lag zu diesem Zeitpunkt im Krankenhaus, da sie aufgrund einer Fehlstellung an ihren Knien operiert wurde. Ich bin mir nicht mehr sicher, aber ich glaube, dass sie an diesem Tag operiert werden sollte und meine Mutter, mein Stiefvater und ich wollten sie natürlich besuchen fahren. Da war schon einmal das erste Problem. An meinem Geburtstag nicht im Fokus, nicht im Mittelpunkt zu stehen, hat mich zutiefst verletzt und getroffen. Ja, ich war mit 21 noch nicht so weit zu sehen, dass meine Schwester in diesem Moment Priorität eins hatte und das natürlich zurecht.
Meine Geburtstage sind für mich generell immer heilig gewesen und ich lege auch heute noch recht viel Wert auf diese. Mittlerweile allerdings nicht mehr so stark, da ich jedes Jahr aufs Neue enttäuscht werde. Aber das ist ein anderes Thema. Ich erinnere mich noch, dass wir an diesem Vormittag ziemlich im Stress gewesen sind. Es blieb also nicht wirklich Zeit für mich. Meine Geburtstagskerze brannte auf dem Tisch und alles war hektisch, weil wir losmussten. Im Eifer des Gefechts hat meine Mutter dann MEINE Geburtstagskerze ausgepustet! Das hätte sie nicht tun dürfen. Ich übertreibe nicht, wenn ich sage, dass ich Sturzbäche geheult habe. Entsetzt bin ich gewesen, so wütend, dass ich rumgeschrien habe wie eine Irre. Ich konnte einfach nicht verstehen, wie ich meiner Mutter so egal sein konnte. Die Geburtstagskerze pustet doch das Geburtstagskind aus! Damit es sich etwas wünschen kann! Dieses Erlebnis hat mich so tief erschüttert, dass es mich bis heute verfolgt und ich das wohl tatsächlich nie vergessen werde. Ich fühle auch heute noch genau, wie tief die Enttäuschung gewesen ist, wie weh diese Aktion mir getan hat. Der ganze Tag war im Eimer. Fühlte mich zerschmettert, am Boden zerstört, ungeliebt, unwichtig und, was das schlimmste gewesen ist, unverstanden. Denn natürlich konnte niemand, weder meine Mutter noch mein Stiefvater, diesen extremen Emotionsausbruch nachvollziehen. Und ich wurde belächelt, beschimpft, ich solle mich nicht so anstellen und übertreiben. Heutzutage mache ich den beiden keinen Vorwurf mehr. Sie waren doch auch nur überfordert. Doch hätte man mir in den Situationen emotionaler Überforderung mehr Verständnis entgegengebracht, hätte ich heute wohl nicht so große Selbstzweifel und so ein geringes Selbstwertgefühl.
Denn natürlich fängst du an dich und deine Gefühle und Emotionen irgendwann in Frage zu stellen, wenn du immer wieder gesagt bekommst, dass du übertreibst, es doch gar nicht alles so schlimm ist. Irgendwann bist du überzeugt davon, dass das, was du fühlst, falsch sein MUSS. Was dann wiederum dazu führt, dass du denkst, dass DU als Person falsch bist. Wenn dieses Gedankenmuster Jahrelang Zeit hat zu wachsen und zu gedeihen bist du irgendwann nur noch ein vor sich hin existierender Haufen voller Selbstzweifel. Du glaubst dir selbst nichts mehr, stellst dich ständig in Frage. Tatsächlich hatte ich das Gefühl meine Identität verloren zu haben.
Da ich nicht in der Lage gewesen bin meine Gefühle und Emotionen zu filtern und ich gemerkt habe, dass ich in der Gesellschaft so irgendwie nicht klarkomme und fehl am Platz zu sein scheine, gab es für mich nur eine logische Schlussfolgerung: Ich ziehe mich einfach zurück. Gehe den Konflikten aus dem Weg. Es interessiert sich sowieso niemand für mich und nach einer Zeit bin ich den meisten eh „zu viel“. Das Alleinsein war für mich besser zu ertragen als die Angst vor ständiger Ablehnung.
Vor gut zwei Jahren ist dann eine Person in mein Leben getreten, die mich so akzeptiert wie ich bin. Mir keine Vorwürfe macht, wenn ich mal wieder auf Kleinigkeiten unverhältnismäßig reagiere. Mir meine Emotionen nicht abspricht. Einfach nur da ist, mich wüten lässt, meine Ausbrüche nicht persönlich nimmt. Eine Person die mich aushält. Diese Akzeptanz allein hat schon so viel bewirkt bei mir. Das kannte ich vorher nicht. Dass ich okay bin so wie ich nun einmal bin.
Mittlerweile würde ich von mir behaupten, dass ich viel besser darin geworden bin mit meinen Emotionen umzugehen. Vor allem bei Enttäuschungen und Streit. Doch ohne meine kognitive Verhaltenstherapie wäre ich jetzt nicht da, wo ich mittlerweile bin. Und auch das Ritalin ist eine riesengroße Unterstützung für mich. Denn dies sorgt unter anderem auch für eine angemessene Emotions- und Implusregulierung.
Das ist alles so unendlich viel Arbeit. Aber sie lohnt sich.
Seit meiner Diagnose im letzten Jahr und seitdem ich auf Ritalin eingestellt bin, habe ich das Gefühl viel selbstbewusster, selbstbestimmter und mutiger zu sein. Ich stehe wieder für mich selbst ein, rede mich nicht mehr andauernd schlecht und versuche zu meinen starken Emotionen zu stehen.
Allerdings werden meine Emotionen, meine Gefühle und ich immer eine schwierige Beziehung zueinander haben. Zu häufig wurde ich verletzt und nicht ernst genommen, sodass es mir immer schwer fallen wird mir und meinen Emotionen zu vertrauen und diese ernst zu nehmen.





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